{"id":533,"date":"2021-09-29T18:58:51","date_gmt":"2021-09-29T18:58:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.made-by-doreen.de\/?p=533"},"modified":"2021-09-30T04:12:50","modified_gmt":"2021-09-30T04:12:50","slug":"buchbranchenportrait-zu-michael-aus-nuernberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.made-by-doreen.de\/?p=533","title":{"rendered":"Buchbranchenportrait zu Michael aus N\u00fcrnberg"},"content":{"rendered":"\n<p>F\u00fcr meinen monatlichen Blogbeitrag habe ich wieder das Format des Buchbranchenportraits gew\u00e4hlt, denn in diesem Jahr hat es noch kein \u201eBookprofil of five Points\u201c gegeben. Eine Neuerung hat sich auch ergeben, denn der ausgew\u00e4hlte Buchbranchenteilnehmer, sollte nun selbst ein wenig zu Wort kommen d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es erwartet euch Michael aus N\u00fcrnberg, der seit 25 Jahren leidenschaftlicher Buchh\u00e4ndler ist und den ich dieses Mal interviewen durfte.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Du bist gern und mit Leidenschaft Buchh\u00e4ndler. Wann fing deine Leidenschaft f\u00fcr B\u00fccher an und wie kam es dazu, dass du Buchh\u00e4ndler geworden bist?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Leidenschaft f\u00fcrs Lesen hat bei mir in der Kindheit und Jugend bis ins junge Erwachsenenalter eine gro\u00dfe Rolle gespielt. Besonders im Ged\u00e4chtnis ist mir ein klassischer ungarischer Abenteuerroman in der deutschen Fassung geblieben: Geza Gardonyi: Die Sterne von Eger<\/strong>. Den habe ich mit der Taschenlampe unter der Decke gelesen. Da meine Mama Ungarin ist, verband mich schon fr\u00fch eine Beziehung zum Land und zu der Geschichte Ungarns. Deshalb mochte ich auch diesen Abenteuerroman, der im 16. Jahrhundert spielt und der die t\u00fcrkische Vorherrschaft zum Thema hat sowie zahlreiche Landschaftsbeschreibungen enth\u00e4lt. Auch die Schullekt\u00fcre von Ibsen, Hauptmann \u00fcber Thomas Mann bis Kafka haben mich in ihren Bann gezogen. Sp\u00e4ter waren es ungarische Autoren, wie Sandor Marai, Imre Kert\u00e9sz und Peter Nadas, und die franz\u00f6sische Literatur mit Marcel Proust, Claude Simon und Robert Pinget. <strong>\u00dcbers Lesen bin ich auch zum Beruf des Buchh\u00e4ndlers gekommen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aus einer pers\u00f6nlichen Lebenskrise heraus brach ich mein Studium ab und bin mit 25 Jahren Buchh\u00e4ndler geworden. Quasi ein Knick im Lebenslauf. Ich hatte zuvor schon in einem Verlag gejobbt, wo ich redaktionelle Arbeiten erledigte und etliche Texte geschrieben und korrigiert habe, so dass ich mein Interesse \u00fcber das Schriftgut zum Buch entwickelt habe. Zudem wollte ich t\u00e4glich mit Menschen zu tun haben, ich sch\u00e4tzte auch damals schon den kommunikativen Austausch und die Lust am Lesen und an B\u00fcchern. Eher in die Richtung \u00fcber B\u00fccher kultivierend und formend t\u00e4tig zu sein. <strong>Hugendubel war dann die erste Buchhandlung in N\u00fcrnberg, in der ich schlie\u00dflich anfangen durfte, nachdem ich mich auch bei Campe und Edelmann beworben hatte.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>In verschiedenen Buchhandlungen warst du \u00fcber die Jahre bereits t\u00e4tig. In welcher Buchhandlung hat es dir am besten gefallen, deiner Arbeit nachgehen zu d\u00fcrfen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Antwort ist: In der Buchhandlung Jakob.<\/strong> Ich habe als Schwangerschaftsvertretung in Vollzeit bei Albrecht Jakob, dem damaligen Inhaber der Buchhandlung angefangen und war dort \u00fcber f\u00fcnf Jahre t\u00e4tig. Trotz krisenhafter Strukturen und sehr schwieriger Arbeitsbedingungen habe ich in dieser Buchhandlung sehr gerne, mit lustgewinnlerischem Ehrgeiz und hohem pers\u00f6nlichem Einsatz gearbeitet. <strong>Der Grund lag darin, dass ich mich hier mit vielen neuen Ideen und einem hohen Ma\u00df an Kreativit\u00e4t strategisch und am Ende erfolgreich einbringen und entfalten konnte. Als Buchh\u00e4ndler das Gef\u00fchl zu haben, etwas bewirken zu k\u00f6nnen, ist mir auch jetzt noch ein wichtiges Anliegen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vom topmodern ausgerichteten Buchhandel bei Hugendubel kommend und mit einem zeitgem\u00e4\u00dfen Wissen \u00fcber rationale Sortimentsgestaltung, moderner Warenpr\u00e4sentation und d\u00fcnkelfreier Aufgeschlossenheit im Gep\u00e4ck bin ich in dieser klassischen Buchhandlung nach altem Stil eingetaucht. Mir ist schnell aufgefallen, dass es der Stammkundschaft hier gefallen hatte, in engen Regalen und G\u00e4ngen vor allem nach vergriffenen B\u00fcchern zu st\u00f6bern. Es gab wenig Auslagen und nachdem der Hintereingang renoviert wurde, musste der hintere Bereich der Buchhandlung unbedingt aus seinem staubstarren Dornr\u00f6schenschlaf erweckt werden. \u00dcber meine Ideen und Vorschl\u00e4ge setzte ich mich mit Herrn Jakob zusammen und gemeinsam haben wir sehr viel umgekrempelt. Der hintere Bereich der Buchhandlung wurde entschlackt und neu strukturiert, die volumin\u00f6se Reisebuchabteilung zog aus dem 1. Stock um ins gr\u00f6\u00dfere Erdgeschoss, so dass sich das Kochbuch wie die Natur- und Gartenabteilung im ersten Stock &#8211; mitunter durch das Entfernen von Buchregalen vor den Au\u00dfenfenstern \u2013 sichtbar entfalten konnte. Das wichtigste Ergebnis dieser Ver\u00e4nderungen war, dass der sch\u00f6nste und gr\u00f6\u00dfte Raum der Buchhandlung, der hintere Bereich im Erdgescho\u00df, mit dem umsatzstarken Reisebuch nun attraktiv, klar und modern gestaltet worden war.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Im Zeitalter der Digitalisierung werden immer mehr B\u00fccher \u00fcbers Internet verkauft. Was muss ein Buchh\u00e4ndler deiner Meinung nach f\u00fcr F\u00e4higkeiten mitbringen, damit Kunden immer wieder in die station\u00e4re Buchhandlung kommen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Klar haben die Vorteile \u00fcbers Internet zu bestellen zugenommen. Doch, <strong>meiner Meinung nach, muss man als Buchh\u00e4ndler sein Handwerkszeug beherrschen und mit seiner Person punkten, charmant sein, aber nicht zu intellektuell auf den Kunden wirken, \u00fcber Fachwissen in seinem Buchbereich verf\u00fcgen sowie Beratungskompetenz besitzen, viel Kundenempathie mitbringen und gut in Profilsichtung sein<\/strong>. Gegen\u00fcber den letzten beiden Punkten hei\u00dft dies, dass der Kunde auch den Buchh\u00e4ndler einsch\u00e4tzt, wie beispielsweise der ist nett, der kommt auf mich zu und begr\u00fc\u00dft mich, wenn ich das Gesch\u00e4ft betrete. Andersherum braucht der Buchh\u00e4ndler auch ein gewisses Gef\u00fchl f\u00fcr die kurze und lange Leine beim Kunden. <strong>Man sollte nicht genervt oder gestresst sein bzw. man darf keine patzigen Antworten geben, wenn konkrete oder gezielte Kundenfragen kommen.<\/strong> Dies kann schnell passieren, wenn man auf gro\u00dfen Fl\u00e4chen ganz alleine ist oder nur zwei Mitarbeiter da sind, die eher mit anderen buchh\u00e4ndlerischen Arbeiten, als den Kunden zu bedienen, besch\u00e4ftigt sind. <strong>Als kompetenter Buchh\u00e4ndler sollte man den Vollbedienungsservice gegen\u00fcber dem Kunden nicht gleich vollends aussch\u00f6pfen, denn je nach Kundenverhalten sind Mischformen des Bedienens vom Kunden abh\u00e4ngig zu machen. Der ein Kunde m\u00f6chte eher lange st\u00f6bern wollen und ein anderer Kunde ist froh, gleich einen Ansprechpartner nach kurzer erfolgloser Suche vorzufinden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es gibt immer weniger Buchhandlungen. Welche positiven wie negativen Entwicklungen hast du bisher \u00fcber die Jahre im Buchhandel beobachten k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Negative Entwicklungen<\/strong> sind: Die Konkurrenz und die Vertriebssituation mit der Verschiebung ins Internet und dem Umgang damit<strong>. Ich habe festgestellt, dass auf Ver\u00e4nderung und evolution\u00e4re Innovationen nicht selten mit Trotz, Starrheit, Ignoranz und fehlender Bereitschaft, etwas Neues zu denken, anzunehmen, anzugehen und umzusetzen, reagiert wird.<\/strong> So werden Schaufensterfl\u00e4chen einfach nicht mehr genutzt, es gibt weniger Thementische, die auch im Schaufenster repr\u00e4sentiert werden und Fensterfl\u00e4chen werden zunehmend mit gro\u00dfen Aufklebern versehen. Es wird zu wenig \u00fcber notwendige und auch m\u00f6gliche Ver\u00e4nderungen in der Sortimentsgestaltung (Profilsch\u00e4rfung, Erweiterung, Nischen etc.) nachgedacht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Positive Entwicklungen<\/strong> gibt es: <strong>Kundenbindung, Beratungskompetenz und ein strukturiertes Bedienungskonzept geh\u00f6ren im Internetzeitalter genauso zum Handwerkszeug des Buchh\u00e4ndlers wie ein modernes Marketing und ein zeitgem\u00e4\u00dfer Auftritt in den sozialen Netzwerken. Ganz zu schweigen von der eigenen Website (und deren Gestaltung).<\/strong> Und wenn m\u00f6glich: Lesungen bzw. Veranstaltungen. Viele &#8211; auch gerade kleinere &#8211; Buchhandlungen haben hier schon gute Ans\u00e4tze.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mein Fazit: Zu viele Buchhandlungen bleiben hinter ihren M\u00f6glichkeiten zur\u00fcck.<\/strong> Auf Gro\u00dffl\u00e4chen muss der Kunde &#8211; m\u00f6chte er nicht einfach st\u00f6bern &#8211; das Personal oft suchen. Ein Vorteil f\u00fcr kleinfl\u00e4chige Buchhandlungen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jeder Buchh\u00e4ndler hat seine eigenen Vorstellungen, wie eine gut funktionierende Buchhandlung zu sein hat. Wie sieht deine ideale Buchhandlung aus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>F\u00fcr meine ideale Buchhandlung muss nat\u00fcrlich erst einmal der Standort stimmen. Eine 1a-Lage muss man sich leisten k\u00f6nnen, aber Frequenz ist selbstverst\u00e4ndlich wichtig<\/strong>: Lauf- oder Zielkundschaft, am besten beides. Kundenbindung muss m\u00f6glich sein, beispielsweise in einem sympathischen Stadtteilviertel (mit bildungsnahen Menschen) bzw. einem Szeneviertel in einer Gro\u00dfstadt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Buchhandlung sollte, meiner Meinung nach, eine gewisse Gr\u00f6\u00dfe haben, recht offen sein, \u00fcber ein Erdgeschoss und einen ersten Stock verf\u00fcgen, lichtdurchflutet und \u00fcbersichtlich sein, eine ansprechende Au\u00dfen- und Innenarchitektur vorweisen<\/strong> und kann auch Mischkonzepte, z. B. mit Bistrocharakter, haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das <strong>Verkaufsangebot<\/strong> hat bei mir verschiedene Aspekte ber\u00fccksichtigen. <strong>Eine Mischung aus Vintage und Klamotten, B\u00fcchern und Medien sowie Gastronomie finde ich toll. Ebenso sind lieferbare B\u00fccher und ausgew\u00e4hltes Antiquariat nebst Non-Book-Artikeln f\u00fcr Impulsgesch\u00e4fte von Bedeutung. Moderne Konzepte und Trends sind einzubeziehen.<\/strong> Man sollte als Kunde das Gef\u00fchl haben, dass sich durch das ganze Konzept des Buchladens ein roter Faden zieht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ich denke, f\u00fcr ein ideales Buchgesch\u00e4ft ist es wichtig, seine St\u00e4rken zu fokussieren (St\u00e4rken st\u00e4rken, Schw\u00e4chen schw\u00e4chen). Bei einem betriebswirtschaftlich funktionierenden St\u00e4rkenprofil sollte oder kann ich dann \u00fcber Nischen und Farbtupfer nachdenken.<\/strong> Aus meiner Erfahrung heraus wirft eine Warengruppe allein &#8211; selbst die Belletristik &#8211; zu wenig ab. Doch Belletristik, Kinderbuch, Reise- und Kochbuch &#8211; mit ausgew\u00e4hltem Non-Book &#8211; stellen beispielsweise ein rundes Warenkonzept dar, um ein heterogenes Kundenumfeld zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Danke, Michael, f\u00fcr die Einblicke in den Buchhandel, wie er aus deiner Sicht ist! Ich freue mich, auch in Zukunft mit dir noch anregende und inspirierende Gespr\u00e4che zu diesem Thema f\u00fchren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr meinen monatlichen Blogbeitrag habe ich wieder das Format des Buchbranchenportraits gew\u00e4hlt, denn in diesem Jahr hat es noch kein \u201eBookprofil of five Points\u201c gegeben. Eine Neuerung hat sich auch ergeben, denn der ausgew\u00e4hlte Buchbranchenteilnehmer, sollte nun selbst ein wenig zu Wort kommen d\u00fcrfen. Es erwartet euch Michael aus N\u00fcrnberg, der seit 25 Jahren leidenschaftlicher [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":534,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[19,32,8,9,6],"class_list":["post-533","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-uncategorized","tag-buchbranchenportrait","tag-buchhandel","tag-buchwerbung","tag-kundenbindung","tag-nuernberg"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.made-by-doreen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/533","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.made-by-doreen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.made-by-doreen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.made-by-doreen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.made-by-doreen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=533"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.made-by-doreen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/533\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":536,"href":"https:\/\/www.made-by-doreen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/533\/revisions\/536"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.made-by-doreen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/534"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.made-by-doreen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=533"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.made-by-doreen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=533"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.made-by-doreen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=533"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}