{"id":660,"date":"2023-07-30T19:06:07","date_gmt":"2023-07-30T19:06:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.made-by-doreen.de\/?p=660"},"modified":"2023-07-30T19:06:07","modified_gmt":"2023-07-30T19:06:07","slug":"gastbeitrag-ueber-den-typografen-herrmann-zapf-von-joachim-klarner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.made-by-doreen.de\/?p=660","title":{"rendered":"Gastbeitrag \u00fcber den Typografen Herrmann Zapf von Joachim Klarner"},"content":{"rendered":"\n<p>Einer der wichtigsten deutschen Schriftdesigner der letzten Jahrzehnte ist Herrmann Zapf. Er war auch Kalligraf, der unter anderem die Schriften Aldus, Optima, Zapfino und Fleuronette entwarf, die in der Linotype Library zu finden sind. F\u00fcr diesen Blogbeitrag hat der Autor Joachim Klarner von den Wortk\u00fcnstlern Mittelfranken einen Gastbeitrag \u00fcber sein typografisches Schaffen geschrieben hat. Lest aber selbst, was ihn begeistert:<\/p>\n\n\n\n<p>Wir benutzen Schriften, ohne uns dar\u00fcber Gedanken zu machen, was das Besondere daran ist. Manche Typen gefallen uns spontan, andere wiederum finden wir weniger gelungen. F\u00fcr die Schriftgestaltung ist jedoch ma\u00dfgeblich, wie gut wir Texte lesen k\u00f6nnen. Unsere abendl\u00e4ndischen Alphabete sind r\u00f6mischen Ursprungs. Die R\u00f6mer benutzten die Kapitalis, eine Gro\u00dfbuchstabenschrift. Sie ist auch bekannt als Lapidarschrift, weil sie in Stein gemei\u00dfelt wurde. F\u00fcr die damaligen Schreiber waren solche Schriften unpraktisch, deshalb f\u00f6rderte Karl der Gro\u00dfe, die nach ihm benannten karolingischen Minuskeln. Im deutschen Sprachraum setzte sich die Gro\u00dfschreibung nicht nur des Satzanfangs, sondern auch bestimmter W\u00f6rter (Substantive) durch.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Erfindung Gutenbergs, des Drucks mit beweglichen Lettern, beschleunigte sich die Buchherstellung in ungeahntem Ma\u00df. Mit der Abl\u00f6sung des zeitintensiven Handsatzes (Monotype) zu dem maschinellen Satz (Linotype) gelang ein weiterer Technologiesprung. Damit wuchs zugleich der Bedarf an Schriftgestaltern und Schriftk\u00fcnstlern enorm.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Interesse an Schrift und Schriftgestaltung geht auf ein Schl\u00fcsselerlebnis in meiner Schulzeit zur\u00fcck. Im Fach Technisches Zeichnen mussten wir die Beschriftung der Zeichnung ohne Schriftschablone mit Ma\u00dfhilfslinien selbst \u00fcbernehmen. Daher r\u00fchrt mein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr den m\u00fchsamen und langwierigen Prozess eine neue Schrift zu gestalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Anlass f\u00fcr meinen Besuch in Wolfenb\u00fcttel war wenig spektakul\u00e4r. Es ergab sich einfach. Allerdings haben mich Bibliotheken bereits l\u00e4nger fasziniert, weil in fr\u00fcheren Jahren B\u00fccher und Geb\u00e4ude als Einheit geplant und gebaut wurden. Einen prachtvoll ausgestatteten Bibliothekssaal zu finden, das waren meine Gedanken von Wolfenb\u00fcttel. Zu meiner \u00dcberraschung entdeckte ich die Sammlung Zapf.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hermann Zapf (1918 \u2013 2015)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was hat das alles mit Hermann Zapf zu tun? Es war ihm nicht in die Wiege gelegt, dass einmal eine Bibliothek seinen Nachlass archivieren und pr\u00e4sentieren w\u00fcrde. Allein seine Biographie liest sich fast wie ein Abenteuerroman. Der am 18. November 1918 in N\u00fcrnberg geborene Zapf durfte seinen gew\u00fcnschten Beruf nicht erlernen. Stattdessen begann er eine Ausbildung als Retuscheur. Jedoch gab es immer wieder in seinem Leben Mentoren, die sein Talent f\u00f6rderten und in eine andere Richtung lenkten. Sogar zwei Weltkriege erlebte und \u00fcberlebte er. Dass er viele Jahre als freischaffender K\u00fcnstler t\u00e4tig war, sei nur am Rande erw\u00e4hnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Sammlung Hermann Zapf in der Herzog August Bibliothek in Wolfenb\u00fcttel zeigt die Typensammlung einer der bedeutendsten Buchgestalter und Typografen des 20. Jahrhunderts. Der Schriftk\u00fcnstler gestaltete mehr als zweihundert Schriften (nach anderen Quellen 800). Darunter finden sich Lettern nicht nur aus dem abendl\u00e4ndischen Raum, sondern er entwarf auch arabische und griechische Druckschriften. Weiterhin arbeitete er an dem Alphabet Pan-Nigerian zur Vereinheitlichung der 400 Sprachen und Dialekte umfassenden Schrift in Nigeria. Die Sequoyah-Schriftzeichen der Cherokee \u00fcberarbeite er f\u00fcr die University of Wisconsin in Madison.<\/p>\n\n\n\n<p>In vielen Dingen war er seiner Zeit voraus. Er erkannte bereits sehr fr\u00fch, welche M\u00f6glichkeiten die computergest\u00fctzte Typografie bot, die er auch zu nutzen wusste. Das trug ihm den ersten Lehrstuhl am Rochester Institute of Technology f\u00fcr zehn Jahre ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich auf einen Besuch in Wolfenb\u00fcttel einl\u00e4sst, wird \u00fcberrascht sein, dass Typografie nicht langweilig sein muss. Das erste Beispiel (eines von 143 Abbildungen) zeigt das Blatt einer Iris als Pinselzeichnung, die an Arbeiten von Maria Sybilla Merian erinnert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiter Weg f\u00fchrt zu seiner Interpretation der \u201ePreamble of the Charter of the United Nations\u201c [in vier Sprachen]. Das Original befindet sich in der Pierpont Morgan Library in New York.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein wenig kurios mutet ein Zahlenquadrat an, mit der Hervorhebung der Null. Der dazugeh\u00f6rige Text von Leonardo von Pisa, beschreibt die Null als eine Erfindung der Inder. (In der Tat, ohne Null w\u00fcrde ein Computer nicht funktionieren.)<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfergew\u00f6hnlich ist f\u00fcr mich die Titelseite f\u00fcr den zweiten Band von Hermann Zapfs \u201eManuale Typographicum\u201c mit der Schrift Optima Antiqua.<\/p>\n\n\n\n<p>Buchstaben als grafisches Element der Umschlaggestaltung muten ein wenig ungew\u00f6hnlich an. Seine Titelgrafiken empfinde ich als \u00e4sthetisch gelungen. Als Bespiele f\u00fcr die Buchgestaltung dienen einige Umschl\u00e4ge der Klassikerausgaben f\u00fcr den Fischer Verlag, Suhrkamp Verlag und dem Verlag Hermann Emig:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Der Goldene Schnitt, Gro\u00dfe Essayisten der Neuen Rundschau 1890 &#8211; 1960. S. Fischer Verlag<\/li>\n\n\n\n<li>Carl Zuckmayer: Gedichte. S. Fischer Verlag<\/li>\n\n\n\n<li>Vergil: Aeneis. Fischer B\u00fccherei [vermutlich]<\/li>\n\n\n\n<li>Klassische St\u00fccke von Shaw. Suhrkamp Verlag<\/li>\n\n\n\n<li>Ein Buchtitel aus Franken von Carlheinz Gr\u00e4ter: Das Taubertal, eine romantische Landschaft. Aus dem Verlag Hermann Emig, Amorbach im Odenwald.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Auch das Verlagssignet f\u00fcr den Carl Hanser Verlag geht auf seinen Entwurf zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>B\u00fccher haben ihr Schicksal, hei\u00dft es. Vielleicht entdeckt jemand antiquarisch ein von Hermann Zapf gestaltetes Buch.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Buchempfehlung zu dem Thema:<\/p>\n\n\n\n<p>Hermann Zapf: \u00dcber Alphabete (Deutsch und Englisch), Frankfurt am Main 1960.<\/p>\n\n\n\n<p>Hermann Zapf: Typographische Variationen, Frankfurt am Main. 1963.<\/p>\n\n\n\n<p>Hermann Zapf [Hrsg.]: Manuale Typographicum, Frankfurt am Main, New York 1968.<\/p>\n\n\n\n<p>Hermann Zapf &amp; his design philosophy. Ed. Society of Typographic Arts, Chicago c 1987.<\/p>\n\n\n\n<p>Sammlung Hermann Zapf. [Ausstellungkatalog] Herzog August Bibliothek, Wolfenb\u00fcttel.1993.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer der wichtigsten deutschen Schriftdesigner der letzten Jahrzehnte ist Herrmann Zapf. Er war auch Kalligraf, der unter anderem die Schriften Aldus, Optima, Zapfino und Fleuronette entwarf, die in der Linotype Library zu finden sind. F\u00fcr diesen Blogbeitrag hat der Autor Joachim Klarner von den Wortk\u00fcnstlern Mittelfranken einen Gastbeitrag \u00fcber sein typografisches Schaffen geschrieben hat. 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