Silent Reading – Gemeinsam lesen

Seit einiger Zeit erfreuen sich literarische Veranstaltungen zum gemeinsamen Lesen großer Beliebtheit. Dahinter steckt die Freude am Lesen in Gesellschaft mit anderen Bücherfreunden. Beim Silent Reading liest man nicht laut seinen Text anderen Mitlesern vor, sondern man trifft sich für eine bestimmte Zeit an einem Ort in einer Gruppe von Gleichgesinnten, die leise miteinander verschiedene Bücher bzw. Genres lesen. Diese Art von Literaturevents ermöglichen es, Zeit für das Lesen zu haben, macht Lesen erlebbar und bringt Lesende miteinander in Kontakt.

In unterschiedlichen Ausprägungen hat Silent Reading mehrere Gemeinsamkeiten. Zum einen finden die Teilnehmenden für eine gewisse Zeitspanne Ruhe für sich selbst mit dem Buch ihrer Wahl. Keine Gespräche, die sie während des Lesens unterbrechen würden, keine im Hintergrund laufende Musik und kein störendes Handy, also keine Ablenkungen. Zum anderen können sich die Teilnehmenden auch über das gerade Gelesene austauschen.

Ohne den Text laut nachzusprechen oder die Lippen beim Überfliegen der Zeilen des Gelesenen zu bewegen, wurde diese Art des Lesens neben dem lauten Lesen bereits in der Antike praktiziert. In der Spätantike und im frühen Christentum ist es üblich gewesen, dass man zwar leise liest, aber es wurde überwiegend vorgelesen, so dass Zuhörer ihre eigenen Gedanken mit dem Leser zu Textpassagen über Fragen oder Diskussionen gemeinsam erörtern konnten. Eine sehr in den Text vertiefte Leseform des leisen Lesens beschrieb im frühen Christentum Augustinus von Hippo, der Ambrosius von Mailand beim stillen Lesen beobachtet hatte und für die Nachwelt seine Eindrücke schriftlich festgehalten hat. So bemerkte er, dass die Räume von Ambrosius für andere zwar offen standen, aber Ambrosius teilte seine Gedanken weniger mit seinen Zuhörern. Augustus war auch der Ansicht, dass Zuhörer Ambrosius nicht beim stillen Lesen unterbrechen wollten, worüber Augustinus selbst frustriert war, denn er war weniger in der Lage, sich mit Ambrosius durch Gespräche und Nachfragen auszutauschen.

Über das späte Mittelalter war das stille Lesen nicht mehr nur durch kirchliche Vertreter gekennzeichnet, auch Adelige haben sich mit einem Buch oder lesend an einem Tisch sitzend für die Nachwelt verewigen lassen. Mit der ersten Leserevolution im 18. Jahrhundert ging das stille Lesen über die ansteigende Buchproduktion immer mehr in die Richtung, nicht nur wenige Bücher intensiv zu lesen, sondern vermehrt viele Bücher für sich zu konsumieren, was als extensives Lesen bezeichnet wird. Das stille Lesen wurde außerdem in der Malerei zum Thema gemacht, vor allem auch weil Frauen zunehmend mit einem Buch in der Hand portraitiert wurden. Hierüber wurde die gesellschaftliche Kritik mit Blick auf Frauen immer lauter, denn es war nicht so gern gesehen, dass Frauen gebildet und intellektuell oder von der Lesesucht betroffen sind. In der Gruppe zu lesen, hat Angelika Kaufmann in einer ihrer Arbeiten festgehalten, ist allerdings für diese Zeit selten. Das Lesen war nicht mehr nur den adeligen Kreisen vorbehalten, sondern immer mehr Menschen aus dem Bürgertum wurden in einem Gemälde beim leisen Lesen von Künstler abgebildet. Demnach wurden Leser im 19. Jahrhundert vielfach in gemütlicher Atmosphäre, mitunter auch in Bibliotheken, sitzend oder liegend auf bequemen Sitzmöbeln in lesender Haltung gezeigt. Es fällt auf, dass das stille Lesen eher allein vollzogen wurde und von privater Natur war.

Allein und nur für sich zu lesen bricht seit den letzten Jahrzehnten immer mehr auf. junge Menschen vielfach weiblich, die gerne lesen und ihre Leidenschaft fürs Lesen miteinander teilen, lesen gemeinsam verschiedene Bücher oder auch in einem Buch. Über das Internet und die sozialen Medien haben es Leser in der modernen Zeit auch einfacher ihre Leseeindrücke mit anderen über Blogbeiträge, Fotos und Videos zu teilen. Darüber rücken die Leser wieder enger für einen kommunikativen Austausch über die Kommentarfunktionen auf diversen Internetauftritten zusammen. Sich für gemeinsames leises Lesen extra zu verabreden, war die Idee von zwei Freunden in San Francisco im Jahr 2012, das bei vielen anderen Lesern Nachahmer in mehr als 20 Ländern auf der ganzen Welt gefunden hat. So gibt es mittlerweile Buchclubs und Partys extra für Silent Reading, die die globale Gemeinschaft von Buchliebhabern verdeutlichen.

Der Prozess des stillen Lesens ist von sehr komplexer Natur, obwohl nur mit den Augen nach und nach über die Zeilen gefahren wird. Die innere Lesestimme ist in einem selbst zu hören, es entsteht ein Kino im Kopf und oft werden äußere Gegebenheiten, wie Geräusche oder Bewegungen ausgeblendet. Man versinkt manchmal regelrecht in seinem Buch. Wird man abgelenkt oder unterbrochen, kann es etwas dauern, bis man die Stelle im Text wiedergefunden hat oder man liest große Textpassagen oder längere Abschnitte nochmal, damit man wieder in die Handlung oder das Thema des Textes findet.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass beim Silent Reading der Austausch über Literatur und das gesellige Beisammensein von Lesern Antriebe der Bewegung sind. Obwohl man für sich liest, ist man beim Lesen nicht allein. Dem Alltag für eine gewisse Zeit zu entfliehen, um auf die Reise in eine Fantasiewelt zu gehen, sich intensiver mit einem interessanten Thema zu befassen oder einfach nur Zeit fürs Lesen zu haben, sind die wichtigen Elemente beim Silent Reading mit anderen Lesern ins Gespräch zu kommen oder gute Bücher anderen Bücherfans zu empfehlen.